Glückliche Tage (Szép napok)

22. November 2014 in Stuttgart

Ein Gastspiel des Katona József Theater, Budapest (Ungarn)

Inszenierung: Kriszta Székely

Bühne: Nóra Patricia Kovács

Kostüme: Juli Szlávik

Darsteller: Ági Szirtes (Winnie), Zoltán Bezerédi (Willie)

In ungarischer Sprache mit deutschen Übertiteln

Dauer: 1:20 h

„Szirtes zeigt sämtliche Farben des Selbstbetrugs. Sie zeigt, dass Winnie selbst in ihrer unmöglichen Situation ihre Welt schönredet.” <em>(Népszava)</em>

„Die metaphysische Vereinsamung Winnies und Willies ist eingebettet in das sie umgebende Chaos der Welt. Das Bild der Frau im Sandhügel ist heute klassisch geworden: Es ist das Symbol dafür, dass man sich in Erinnerungen, Lebensnostalgien, neu produzierten Illusionen festkrallt. Dazu ist eine große Schauspielerin notwendig wie Ági Szirtes. Im Allgemeinen versuche ich Superlative zu vermeiden, aber diesmal verbeuge ich mich vor der Vollkommenheit der Darstellung.” <em>(Élet és Irodalom)</em>


Winnie ist in einem Sandhügel gefangen, fortbewegen kann sie sich nicht. Eine ganz und gar außergewöhnliche Situation, der sie nicht entrinnen kann. Umso mehr bemüht sie sich, auf irgendeine Weise ihr normales Leben zu bewahren. Weil ihr Mundwerk gar nicht gelähmt ist, erzählt sie uns – sich selbst? ihrer unsichtbaren Nachbarin im Sandhügel nebenan? – über ihren gewohnten Alltag, der ihr Leben ausmacht. Und es sind grauenhaft-graue, uninteressante Begebenheiten und Dinge, die ein grauenhaft-graues, uninteressantes, langweiliges Leben enthüllen. Dass aber die Vorstellung, der wir beiwohnen, höchst farbig, spannend und faszinierend ist, dazu gehört eine begnadete Schauspielerin wie Ági Szirtes, und ein Partner, der sie mit wenigen Worten und Aktionen kongenial ergänzt, wie Zoltán Bezerédi, und natürlich eine hochtalentierte, junge Regisseurin wie Kriszta Székely – eben eine Truppe des <em>Katona József Theaters</em>, Budapest. Sie zaubert wieder.

Sie lässt uns in etwas mehr als einer Stunde an einem Leben teilhaben, das ausschließlich durch Gewohnheiten und Routine funktioniert, so sehr, dass es auch auf extreme Situationen – Sandhaufen am Meer?, Wirtschaftskrise?, Arbeitslosigkeit? – lediglich mit den eingeübten Reflexen reagieren kann. Haben wir etwas damit zu tun? Die Antwort liegt in jedem einzelnen von uns begraben.

Natürlich kann man sagen und es wird auch oft gesagt, dass das Stück von Beckett zeitlos gültig ist, schließlich ist es eine wichtige Frage, wie weit der Mensch in der Lage ist, Kompromisse zu schließen, wie tief in sein Innerstes diese Kompromisse gehen, und wie radikal er bereit ist, sich dafür selbst zu belügen.

Diese junge und bemerkenswerte Regisseurin stellt eine interessante Collage auf die Bühne: aus der surrealen Situation und dem stilisiert realistischen Spiel der Akteure. Genau diese beiden Elemente sind notwendig, damit das Stück seine einmalige Wirkung entfalten kann. Es handelt sich um ein geniales Stück, zumindest für jene, die von Zeit zu Zeit den Mut aufbringen, dem Unvermeidlichen ins Auge zu sehen.

Schon der Titel benennt das Wesentliche unzweideutig: den Selbstbetrug, an dem sich Winnie festkrallt. Sie will jeden neuen Tag, der sie dem unausweichlichen Ende näher bringt, als glücklich erleben. Sie setzt alle Instrumente ein, die ihr zur Verfügung stehen: Außer ihrem Lebensgefährten sind es banale Gegenstände und deren Manipulation, Erinnerungsfetzen, sie liebäugelt mit dem Selbstmord, zelebriert Riten der Kosmetik. Ági Szirtes lässt uns eine einst schöne und sehr bewegungsfreudige Frau erahnen. Hinter ihrem perlenden Lachen wohnt Verzweiflung und hinter den Ausbrüchen ihrer Bitterkeit versteckt sich das zwanghaft Heitere. Die Winnie von Ági Szirtes versucht mit Geschwätzigkeit das Wissen zu verdrängen – aber das bittere Wissen umgibt sie wie eine Aura. Sie stellt nicht die absurde Situation eines menschlichen Körpers dar, der seine Lage nicht verändern kann, sondern eine flügellahme Seele, die aber um jeden Preis fliegen will. Dies geschafft zu haben zeugt von höchster Schauspielkunst.

Was wäre die Frau ohne den Mann, Winnie ohne Willie? Seine Präsenz ist in der Lesart von Krisztina Székely gewichtiger als vielfach üblich. Er ist es, der Winnie in dem Sandhaufen quasi begräbt, in dem er die Regieanweisungen des Autors in die Tat umsetzt. Seine Treue, seine Liebe zu Winnie üben im Lauf des Stückes eine suggestive Kraft aus. Am Ende versucht er, sich ihr kriechend anzunähern, um ihr eine rote Rose hoch zu reichen. Die Absicht bleibt Absicht (sie könnte, inzwischen bis zum Hals im Sand begraben, die Rose sowieso nicht annehmen), er fällt zurück. Kann es sein, dass es sich allein schon für diese Absicht zu leben lohnt?

Ági Szirtes und Zoltán Bezerédi nehmen uns auf eine atemberaubend rasante Achterbahnfahrt der Gefühle mit: Sie ist die Sehnsucht nach dem eigenen Tod aber auch dem selbstbestimmten, eigenen Leben, das nicht von der großen Geschichte um uns herum determiniert ist. Mit dieser Sehnsucht trat wohl das absurde Menschenpaar Adam und Eva aus dem Paradies ins wahre Leben.

Kriszta Székely ist Regiestudentin der Budapester Universität für Theater- und Filmkunst. Diese Inszenierung ist ihr Debut.

Eine Veranstaltung im Rahmen des 12. Stuttgarter Europa Theater Treffens (SETT 2014)

Veranstalter: Theater tri-bühne

Eberhardstr. 61A

70173 Stuttgart

Infos und Karten: 0711 2364610

www.tri-buehne.de

www.sett-festival.eu

Quelle: kulturkurier / Kulturclub.de

Wo ist das Event?
Theater tri-bühne
Eberhardstraße 61A
70173 Stuttgart
Wann ist das Event?
Samstag, 22. November 2014
20:00 Uhr
Seit 1964 Tagen vorbei!

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